Ritter unter dem Apfelbaum
In einer Zeit, in der Stolz oft höher wog als das Herz, erhob sich eine stolze Burg über das Land.
Es war Frühling, und der Duft von Apfelblüten lag wie ein Versprechen in der Luft.
Doch zwischen den steinernen Mauern und dem einfachen Volk am Fuße des Hügels klaffte eine Lücke, die tiefer schien als jeder Burggraben.

„Musik erstellt mit https://www.flowmusic.app/“
Im Schatten der zinnenbewehrten Mauern ritt ein Ritter namens Ulrich heran. Seine Rüstung war stumpf, sein Mantel geflickt, doch sein Blick brannte vor Entschlossenheit. Vor dem Burgtor stand ein prächtiger Apfelbaum, dessen weiße Blüten wie Schnee auf seine Schultern fielen.
Er war gekommen, um die Burgherrin, die edle Witwe Beatrix, um ihre Hand zu bitten. Doch als er sein Visier hob und um Einlass flehte, erntete er nur das Spottlachen der Wachen.
Beatrix trat auf den Söller, ihr Kleid aus schwerem Samt leuchtete im Sonnenlicht. Als sie den armen Ritter sah, der außer seinem Schwert und seinem Namen nichts besaß,
blieben ihre Züge kalt. „Ein Ritter ohne Land und Gold ist wie ein Baum ohne Wurzeln“, rief sie herab. „Mein Stand verlangt nach einem Gatten von Rang, nicht nach einem Glücksritter in rostigem Eisen.“ Sie wandte sich ab, und das schwere Eichentor fiel krachend ins Schloss.

Ulrich gab nicht auf, doch er begriff, dass Stahl sein Ziel nicht erreichen würde. Er tauschte sein Schwert gegen eine Laute und verbarg sein Gesicht unter der Kapuze eines fahrenden Sängers. Jeden Abend setzte er sich unter den blühenden Apfelbaum vor der Burg und ließ seine Stimme erklingen. Er sang nicht von Schlachten oder Gold, sondern von der Sehnsucht des Frühlings und der Einsamkeit eines Herzens, das hinter hohen Mauern gefangen ist.
Die Klänge der Laute drangen durch die schmalen Schießscharten bis in die Kemenate der Witwe.
Beatrix, die sich oft in ihrem Reichtum einsam fühlte, lauschte Nacht für Nacht dem unbekannten Sänger. Die Melodien weichten ihren harten Stolz auf. Eines Abends hielt sie es nicht mehr aus; sie schlich sich unerkannt aus der Burg, geleitet nur von der Stimme, die ihre Seele berührt hatte, hinunter zum alten Apfelbaum.
Dort, im silbernen Mondlicht unter den Zweigen des Apfelbaums, lüftete Ulrich seine Kapuze. Beatrix erschrak erst, doch dann sah sie die Wahrheit in seinen Augen, die kein Standesunterschied verbergen konnte. „Deine Lieder haben mir gezeigt, dass Reichtum nur im Herzen wohnt“, flüsterte sie.
Sie reichte ihm die Hand, und unter dem schützenden Dach der Frühlingsblüten versprachen sie sich die Treue – ein Sieg der Liebe über den Hochmut des Mittelalters.
Burg Stein, Hartenstein

