Liebe Freunde der ApfelbaumWerkstatt, ursprünglich wollte ich nur eine kurze Geschichte über die Gutgläubigkeit älterer Menschen und deren Ausnutzung durch Betrüger schreiben. Doch dann erläuterte mir eine wunderbare ältere Dame ihre Strategie gegen zwielichtige Typen am Telefon.
Oma Klara und der Telefonbetrüger
Sollten Sie dieses Märchen nicht bis zum Ende lesen, habe ich volles Verständnis dafür. Oma Klara ist die weibliche Reinkarnation des braven Soldaten Schwejk.
In der kleinen, gemütlichen Stube von Oma Klara tickte die Wanduhr behäbig vor sich hin. Oma Klara saß in ihrem Ohrensessel, die Tageszeitung auf den Knien, als das schrille Klingeln ihres alten Festnetztelefons die Stille durchschnitt. Mit der Seelenruhe eines Menschen, der schon Kaiserreiche hat kommen und gehen sehen, griff sie zum Hörer.
Am anderen Ende saß kein Enkel, sondern ein „Agent“ des schnellen Glücks, der nicht ahnte, dass er gerade an die weibliche Reinkarnation des braven Soldaten Schwejk geraten war.
„Guten Tag, gnädige Frau! Ich habe die Freude, Ihnen mitzuteilen: Sie haben gewonnen! Eintausend Euro in bar!“, rief eine ölige Stimme am anderen Ende.
Oma Klara legte den Kopf schief. „Gewonnen? Ach, Sie meinen die Sache mit den Kaninchenzüchtern von 1974?
Da hab ich nämlich mal einen Sack Hafer gewonnen, aber der war leider voller Rüsselkäfer. Wissen Sie, mein Herr, die Rüsselkäfer sind heutzutage auch nicht mehr das, was sie mal waren.
Mein Nachbar, der Robert, der schraubt ja an Autos, und der sagt immer: ‚Klara, wenn der Wurm erst mal drin ist…‘ – meinen Sie, die tausend Euro sind auch voller Käfer?“
„Nein, nein, Frau Klara, das ist pures Geld! Ich muss nur Ihre Daten abgleichen.“
„Daten? Ach, Sie meinen mein Geburtsdatum? Das war ein Dienstag, das weiß ich noch genau, weil meine Mutter immer sagte, an Dienstagen regnet es Glück, aber es hat eigentlich nur geschneit. Haben Sie schon mal im Schnee Rüsselkäfer gesucht? Das ist richtig schwer.“
„Hören Sie mir zu“, unterbrach der Betrüger sichtlich bemüht, die Fassung zu bewahren.
„Wir müssen die Gebühr für die Transaktion begleichen. Haben Sie eine Kreditkarte?“
„Eine Karte? Ja, ich habe eine ganze Sammlung! Moment, ich hole sie mal eben.“
Man hörte Klara den Hörer weglegen, eine Schublade knirschen und das Rascheln von Papier.
„So, da bin ich wieder. Ich habe hier das Pik-As, den Schellenkönig und eine Postkarte von Dorothea aus dem Schwarzwald.
Dorothea sagt ja immer, der Wald stirbt, aber auf dem Foto sieht er noch ganz gesund aus.
Welche Karte hätten Sie denn gern für die tausend Euro? Der Schellenkönig ist sehr hübsch, der hat so eine kleine goldene Krone.“ „Frau Klara, ich brauche Ihre Bankverbindung! Wo haben Sie Ihr Konto?“ „Mein Konto? Ach, das ist bei der Bank, wo der junge Mann mit der schiefen Brille arbeitet. Ein sehr ordentlicher Mensch, er erinnert mich an Thomas, der wollte auch mal Banker werden, hat dann aber lieber angefangen, alte Fahrräder zu sammeln.
Haben Sie auch Fahrräder? Man kommt ja heute kaum noch durch die Stadt mit dem Verkehr.“ „Frau Klara! Konzentrieren Sie sich! Wollen Sie das Geld oder nicht?“, schrie der Betrüger mittlerweile fast.
„Geld ist immer gut“, sagte Klara freundlich. „Mein Schulfreundin Sabine sagt ja immer, ohne Moos nichts los, aber ihr Mann ist so reich, der lässt sich sogar die Zeitung bügeln. Aber wissen Sie, was ich mich frage: Wenn ich gewonnen habe, warum rufen Sie mich dann auf dem Festnetz an? Das Radio hat vorhin gar nichts von einem Gewinnspiel gesagt,
da kam nur die Wettervorhersage für unsere Region. Haben Sie eigentlich eine Jacke an?
Es soll nämlich kühl werden.
Mein Robert sagt, der Frost ist der natürliche Feind der Zündkerze…“
„Hören Sie mir jetzt gut zu!“, zischte der Mann am anderen Ende, der hörbar an seinen Nägeln kaute.
„Gehen Sie einfach zur Bank und heben Sie Geld ab. Ich bleibe am Apparat.
Wir müssen sicherstellen, dass alles seine Richtigkeit hat.“
„Zur Bank? Oh, das ist schwierig“, entgegnete Klara mitleidig. „Der junge Mann dort am Schalter hat nämlich neulich so seltsam gehustet.
Ich hab ihm gesagt, er soll Zwiebelsaft mit Kandis nehmen, das hat meine Mutter schon immer gemacht. Aber die Jugend von heute hört ja nicht mehr.
Die nehmen lieber diese bunten Pillen, die aussehen wie Smarties. Essen Sie gerne Smarties? Die blauen mochte ich nie, die schmecken so nach Chemie,
finden Sie nicht auch? Und der Weg zur Bank ist so lang, da müsste ich ja meine guten Schuhe anziehen, und bei denen drückt der linke Zeh,
seit ich damals beim Tanzvergnügen über die Kiste gestolpert bin.“
„Es ist mir völlig egal, ob Ihr Zeh drückt oder ob der Banker hustet!“, brüllte der Betrüger nun völlig entnervt in sein Headset.
„Wollen Sie die tausend Euro oder soll ich sie dem nächsten auf der Liste geben?“
Oma Klara kicherte leise. „Ach, geben Sie sie ruhig dem Nächsten. Vielleicht hat der ja keine Rüsselkäfer im Telefon oder einen drückenden Zeh.
Wissen Sie, Geld allein macht ja auch nicht glücklich, das sagt sogar die Zeitung, obwohl die heute auch nur noch halb so dick ist wie früher.
Sind Sie eigentlich noch dran? Ich wollte Ihnen noch von Roberts neuem Auspuff erzählen, der macht nämlich Geräusche wie ein waidwunder Elch…“ Ein lautes, aggressives Tuten signalisierte das Ende des Gesprächs. Der Betrüger hatte aufgelegt.
Oma Klara lächelte, strich ihr Deckchen glatt und nahm wieder die Zeitung auf.
„Ein sehr ungeduldiger junger Mann“, murmelte sie zufrieden. „Sicher hat er kein Hobby.
Vielleicht sollte er auch anfangen, Knöpfe zu sammeln.“


